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Klänge aus Jerusalem

Aktualisiert: 10. März 2023


Unten donnert die neue Autobahn durch ein einst stilles Tal nach Jerusalem. Oben liegt hell der Campus der Hebräischen Universität, die Gebäude von Musikhochschule und Akademie für Musik und Tanz. Gegenüber, abwärts in den Hang gebaut, existiert ebenfalls ein Refugium für Kunst: das Wohnhaus der Familie Livay.

Sich auszusagen in Musik und Bild, in gehauenem Stein und geschriebenem Wort ist hier, innen wie außen, Alltag.

Yvonne Livay, Sängerin, Malerin, Dichterin, sucht Inspiration im Unterwegssein: Auf den Straßen und Plätzen der Stadt, am Ufer der Meere, in den Weiten der Wüste. Indem sie hinausgeht, geht sie in sich hinein. Schon im Park nebenan, an den Hängen des Tals findet sie, was ihr zu existentieller Frage, manchmal zu gültiger Antwort wird. Diese übersetzt sie in Farben und Formen, die wie Musik wirken - präzise und unbestimmt zugleich, in aller Skizzenhaftigkeit vor Emotion sprühend – und uns berührend wie Musik .

Musik, die ihr erklingt, bringt sie hingegen ins Wort.

Yvonne Livay ist eine Lebenssammlerin. Sie benutzt Material und Sprache, die sie unterwegs aufliest. Das Zufällige und Veränderbare bearbeitet sie mit Fragen nach dem Eigentlichen und scheut dabei nicht das Verharren in Zwischenschichten. So entsteht aus Allem ein gut erkennbarer, nur ihr gehörender Ausdruck, ein bannendes, fragendes Schwebenlassen. Dem muß man sich aussetzen: Was auch immer sie aufnimmt, erhält bei Livay eine unerhört dichte Diktion.

Gewiß, persönliche Erinnerung und Last der Geschichte breiten im Leben der Künstlerin unaufhörlich Schleier aus. Verwoben mit Alltagsleben erstrecken sich Traum und Albtraum in diesem Haus über dem Tal in alle Gegenwart: überall Masken, verhangene Totenmasken, Gesichter der lang Verlorenen und Vermißten, ein tägliches, inniges Requiem, das Yvonne Livay den Ermordeten darbringt. Und im Atelier liegt Schwere über dem mühsamen Arbeiten mit sperrigen Fundstücken, rostigem Draht, den Yvonne Livay im Kampf, dem Entsetzen Grenzen zu setzen, zu Kronen, Lebenskronen, Dornenkronen biegt und windet.

An diesem Ort wird um Leben gerungen. Und Leben aus Schatten herausgehauen, in dichteste Form gebracht. Dabei durchzüngelt heftige Sehnsucht nach Liebe und Leichtigkeit die Texte und Bilder. In knappesten Strukturen, kargen Chiffren legt Yvonne Livay Gefühle bloß. Folgt man der Spur, unternimmt man womöglich eine dramatische Reise ins eigene Ich.


Yvonne Livay wurde 1942 in Zürich als Tochter jüdischer Eltern geboren. Ihre polnisch-jüdische Mutter, gerettet, sah im Höllenbrand deutscher Vernichtung machtlos Mutter und Familie, fast ihr ganzes Volk verlorengehen. - Yvonne Livay hat als Erwachsene in Jerusalem Zuflucht und Zuhause gefunden. Viele Sprachen sprechend, dichtet sie dennoch fast ausschließlich auf deutsch. Viele Jahre war sie Mitglied der deutschsprachigen Jerusalemer Dichtergruppe LYRIS.


(Vorwort zu „Herbstbrand“, 2011/ z.Z. vergriffen/ Voranfragen möglich)














Yvon Livay im Atelier (Jerusalem)

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