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33 Ergebnisse gefunden für „“

  • Sommertag (2) Auf Ägina

    "Als wir losgingen, war es fast unmöglich, Liegi beizubringen, daß er auf diese Wanderung nicht mitkommen konnte. Wir wollten ja die lange Uferstraße entlang, die ist zu gefährlich für ihn. Ich mußte streng sein, das kann ich auch, ich bin ja für ihn verantwortlich. Aber ich glaube, er war mir böse deswegen. Sonst bin ich nicht dafür, streng zu sein, es fällt mir schwer. Wenn die anderen mit Liegi schimpfen, weil er etwas nicht recht gemacht hat, dann beschütze ich ihn. Er ist ein freier Hund! Noch nie hat ihn jemand an die Kette gelegt. Er kann selbst entscheiden, was er tun will. Und er hat die Würde eines freien Hundes. Beim Leuchtturm steht eine kleine weißgetünchte Kirche, eine Seemannskapelle, die weithin zu sehen ist. Da gingen wir hinein. Drinnen war es schattig, aber nicht kühler. In einer hohen Metallschale voller Sand brannten viele dünne gelbe Kerzen. Sie brannten und bogen sich mit dem Docht herunter zum Sand, der sie auslöschte. Es war schwülheiß hier, es roch nach Kerzenrauch und Weihrauch. Ich wollte eine Kerze anzünden. Und da wollten es die anderen auch. Als alle ihre Kerze angezündet und in den Sand gesteckt hatten, habe ich laut gesagt: "Ich brenne diese Kerze für Liegi an, damit er niemals mehr traurig sein muß, damit er gesund wird und ein Zuhause findet." Die anderen haben auch gebetet und alle haben es für Liegi getan. Wir waren ganz still danach. Uns war traurig und froh zugleich zumute. Ob nun alles gut wird für Liegi?" Auszug aus "Meine Helden von Ägina", Dörthe Kähler, rainStein 2019: eine wahre Geschichte für Kinder und Erwachsene

  • Sommertag (1)

    Ich nehme Abschied I Ich nehme Abschied vom Leben ehe ich gestorben bin Von Menschen, ehe sie gehen Pflanzen, die aufblühen am Morgen Tagen, ehe sie schwinden Vom Tod solange ich lebe Ich schöpfe den Brunnen aus Und gehe mit vollen Eimern heim Auszug aus "Hier war der Himmel geteilt" Lotte Kähr, rainStein 2006

  • Lotosblume in "Spiegelungen"

    In Ausgabe 1/23 der "Spiegelungen" (Zeitschrift für deutsche Geschichte und Kultur Südosteuropas, Ludwig-Maximilian-Universität München), S. 236-238, erschien dieser Tage eine dreiseitige, intensive Rezension des Berliner Publizisten Markus Bauer zu "Die Frau mit der Lotosblume" von Yvonne Livay (rainStein Verlag 2020). Markus Bauer schreibt u.a. : "Der historische Zeitstrahl kann nicht objektiv sein. Die lineare Entwicklung der Zeit in eine...unbekannte Zukunft aus einer als 'vergangen' betrachteten Vergangenheit ist eine grundlegende Fiktion... Seit dem Zweiten Weltkrieg und der Shoa sind über 80 Jahre vergangen... das neue Jahrtausend hat begonnen... Aber diese nicht zu leugnenden Abläufe in der Zeit hegen Geschichte nicht ein, objektivieren nicht die tiefen Gräben zwischen oft nur wenige Jahre oder gar Monate auseinanderliegenden Ereignissen, zwischen den räumlichen Disparitäten, zwischen ideologischen Bewertungen und Perspektiven, zwischen Generationen und Kulturen. Von daher rückt die Shoa auf dem Zeitstrahl objektiv weiter zurück, aber je mehr darüber an Wissen gewonnen werden kann, desto mehr wird die beunruhigende Gegenwart der Erinnerung selbst zum Gegenstand der Reflexion. ... So kann aus der unmittelbaren heutigen Gegenwart ein Buch eine neue Perspektive eröffnen, die das Grausame eines Geschehens in neues, bisher unbekanntes Licht taucht. Dies trifft auf Yvonne Livays Die Frau mit der Lotosblume in vielfacher Weise zu. ..."

  • Bert Lewyn: Einer, der die Kristallnacht sah (Teil 4)

    „1933 übernahm Hitler die Macht und wurde oberster Herrscher und Diktator Deutschlands. Zu Beginn noch etwa 165.000, waren am Ende des Zweiten Weltkriegs etwa 1.700 jüdische Berliner am Leben geblieben, indem sie sich in der Stadt versteckten. 3.000 weitere überlebten in den Konzentrationslagern.“ So schreibt der Holocaust-Überlebende Bert Lewyn in seinen Memoiren "Versteckt in Berlin". Lewyn, ein Zeuge der Kristallnacht vor heute 71 Jahren, erinnert uns daran, dass „weniger als 5.000 Berliner Juden übrig blieben, um der Welt mitzuteilen, was sie erlebt hatten. Ich war einer von denen, die überlebten." Nachdem er von seiner jüdischen Schule nach Hause geschickt worden war, führte Lewyns angeborene Neugier ihn in eines der Zentren Berlins, wo er tatsächlich sah, wie jüdische Ladenbesitzer blutüberströmt zu den Armeelastwagen geschleift und hineingeschoben wurden. Diese Berliner Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt und kehrten nie mehr zurück. Im späteren Rückblick auf die Kristallnacht erinnerte sich Lewyn an seine damaligen Gefühle. „Warum sollte das deutsche Volk Juden angreifen? Ihre Geschäfte zerstören? Ihre Synagogen niederbrennen? Alte Männer schlagen? Wir waren Deutsche." 1923 als Sohn von Johanna und Leopold Lewin in Berlin geboren, war Bert 15 Jahre alt, als die Kristallnacht stattfand. Am 9. November 1938 begann die Randale, indem Sturmtruppen und SS-Männer überall in Deutschland Synagogen angriffen, deren Glasfenster zerstörten und die Innenräume in Brand steckten. Andere Nazis, Zivilisten und Militärs, griffen jüdische Ladenbesitzer an, stießen und schlugen sie bewusstlos. Bert zuckte vor Angst zusammen, als er sah, wie „Schaufenster eingeschlagen wurden … Nazi-Plünderer nahmen Pelze, Schmuck, Kleidung, Möbel und alles mit, was sie tragen konnten.“ Lewyn schrieb, dass er sechs Jahrzehnte später „immer noch den Rauch der ständig brennenden Berliner Synagogen riechen konnte“. Als Teil seiner persönlichen Geschichte über das Überleben im nationalsozialistischen Berlin recherchierte er in den deutschen Archiven und fand einen wichtigen militärischen Befehl der Nazis, der beschreibt, was in der Reichspogromnacht geschehen sollte. Für sein Buch hat er das Dokument, unterzeichnet von Reinhard Heydrich, dem stellvertretenden Chef der Gestapo, im deutschen Original nachgedruckt und ins Englische übersetzt. Einundsiebzig Jahre später, was für ein Augenöffner; in jedem Satz des Beschlusses wird genau dargelegt, wie die Kristallnacht in ganz Deutschland stattfinden sollte – kein Detail ist verloren gegangen. Doch die Geschichte von Bert Lewyn ist umfangreicher als nur dieses Ereignis in seinen Teenagerjahren, so schrecklich es auch war. In „On the Run in Nazi Berlin“ erzählt er eindringlich, was er in den Jahren 1942 bis 1945 täglich tun musste, um am Leben zu bleiben, als er als selbsternanntes „U-Boot“ heimlich in den Häusern freundlicher Seelen lebte, mal in der Gestalt eines SS-Mannes, mal in ausgebombten Gebäudeskeletten oder in einem Gestapo-Gefängnis, aus dem er floh, und dann im Haus von Freunden am Ende des Krieges, wo das größte „Wunder“ von allen geschah: daß es ihm gelang, die russischen Soldaten zu überzeugen, daß er ein Jude und kein untergetauchter Nazi war. (ursprünglich 09.11.2009, Jerusalem Post)

  • Überleben in Berlin: Bert Lewyn. Wie seine Geschichte bekannt wurde (Teil 3)

    Georgia, im Juni 1949, war Zeuge des Beginns eines sehr heißen Sommers, aber auch des Beginns einer neuen Existenz (der Existenz der nun, 2014, vergangenen weiteren 65 Jahre) von Bert Lewyn, eines echten Zeugen der Reichspogromnacht. Bert überlebte allein in Berlin Er wurde 1923 in Berlin geboren, ihm wurden seine Eltern von den Nazis entrissen, aber er war in der Lage, seinen jugendlichen Einfallsreichtum zu nutzen, um drei Jahre alleine in der deutschen Hauptstadt zu überleben, bis 1945, bis zum Ende des Krieges. Nach 4-jährigem Aufenthalt in einem deutschen Vertriebenenlager (DP-Lager), wurde er von seiner Großtante Sara Hene und seinem Großonkel Rabbi Tobias Geffen in die USA gebracht, in die Stadt, die das Tor zum Süden ist. Erst 2001 erschien seine unglaubliche Autobiografie „On the Run in Nazi-Berlin“ (deutsch "Versteckt in Berlin", 2009, Metropol), die er zusammen mit seiner Schwiegertochter Bev Lewyn geschrieben hatte. Lewyns dramatische Überlebensgeschichte ist mittlerweile weit verbreitet, weil eine mehrfach preisgekrönte Autorin von Jugendbüchern, Dr. Susan Campbell Bartoletti, sich entschied, sein „Wunder“ in ihren bahnbrechenden Band „Hitler Youth: Growing up in Hitler's Shadow" einzubeziehen. Seit Erscheinen im Jahr 2005 wurden 140.000 Exemplare des Buches in englischer Sprache verkauft. Anhand der in Auftrag gegebenen deutschen Übersetzung (Jugend im Nationalsozialismus, Berlin Verlag 2007) studieren Oberstufenschüler sie in dem Land, in dem der Holocaust seinen Ursprung hat. „Wir wissen nie, wer eine Tragödie überleben wird“, bemerkte Dr. Bartoletti, nachdem sie das Lewyn-Buch zum ersten Mal gelesen hatte: „So wie wir nicht wissen, wer zum Helden werden wird – aber da ist etwas in Bert, auf das er zurückgreift, um zu überleben. War es Glaube? Göttliche Intervention? Wunder, die ihm gewährt wurden, anderen jedoch nicht? Es gibt darauf keine einfache Antwort. Aber sein Überleben ist komplexer als das. Ich sah darin eine Geschichte, die mit „Der Pianist“, dem Oscar-Gewinnerfilm, mithalten konnte. Also wurde es mir äußerst wichtig, seine Geschichte in mein Buch zu bringen. Er war im gleichen Alter wie die Nazi-Jugendlichen, deren Geschichten ich erzähle, aber er war Jude." Als sie ein frisch gedrucktes Exemplar von Berts Buch von mir, seinem Cousin, erhielt, verschlang Bartoletti das Buch in ihrem Haus in Moskau, Pennsylvania, einem kleinen Ort, in dem sie bis dahin neunzehn Bücher geschrieben hatte. Es nicht aus der Hand legen könnend, entdeckte sie, daß diese Geschichte eines jüdischen Jugendlichen im Holocaust-Berlin ein „Juwel“ war, zeigte es doch die Einzigartigkeit von Berts Existenz inmitten des Horrors, der um ihn herum wirbelte. Obwohl sie den klar spürte, daß ihr Buch vollständig war, wusste sie, dass es nicht „ganz“ sein würde ohne seine Geschichte. „Hitlerjugend“ ist eines der wenigen Bücher, die das Wachsen der deutschen Jugend mit dem eines deutschen jüdischen Jugendlichen derselben Generation vergleichen.

  • Bert Lewyn wird plötzlich Gegenwart (Teil 2)

    Es schien harmlos. Ich war ohnehin in Jerusalem und wollte bei der Gelegenheit einen zukünftigen Angehörigen meines Sohnes kennenlernen. War ich darauf gefaßt, was geschah? Nein, überhaupt nicht. Ich wußte nicht, wie es sein würde, im Duft der Jerusalemer Berge als erstes gefragt zu werden: "Was hat dein Vater im Krieg gemacht? Was deine Mutter? Was deine Großeltern?" In mir pochte es. Seit der Kindheit hatte mich der Nationalsozialismus beschäftigt. Bewußt hatte ich ihn beruflich quasi zum Schwerpunkt meiner Arbeit gemacht, hatte Geschichten über Verfolgung und Rettung veröffentlicht. Ja, auch zur Geschichte meiner Familie hatte ich mit meiner Mutter das Buch "Frei - in zwei Diktaturen" geschrieben. Und nun das. Ich fühlte mich, als hätte ich der Frage noch nie gegenübergestanden. Es war etwas ganz anderes, Geschichten zu schreiben und herauszugeben. Oder mit dem Sohn an der Schwelle zum Eintritt einer Familie zu stehen, wo dies zur Eingangsfrage wird. Was kann ich dafür, was meine Eltern und Großeltern getan haben? Es ist nicht mein Verdienst, daß sie entschiedene Hitlergegner und Nazifresser gewesen waren. Aber erleichtert bin ich doch, daß ich David hier die Frage entsprechend beantworten kann. Innerlich zitternd denke ich: Was wäre geschehen, wenn nicht?! Bert Lewyn wird plötzlich Gegenwart Und dann erfahre ich die Geschichte von Bert Lewyn. Bert hatte in Berlin überlebt, in meiner Stadt. Bert lebte, wo damals meine Eltern und Großeltern wohnten, während er sich verstecken mußte. Bert Lewyn gehört zur Familie, die David mit seinen prüfenden Fragen schützen will und die nun auch die meines Sohnes werden soll. Unsere Vergangenheit - hier trifft sie mich direkt. Es ist die Gegenwart.

  • David erzählt von seinem Cousin Bert Lewyn (Teil 1)

    Am Shabbatmittag durchqueren wir ein stilles Jerusalem, westwärts, um aufs Land zu kommen. David, auf dem Rücksitz, hält einen Packen Bücher und Schriften unter dem Arm. Wir wollen einander kennenlernen. Wir sind die ersten Deutschen, mit denen David vorhat, zu sprechen. Irgendwann, während wir im Baumschatten zu Tisch sitzen, beginnt David von Bert, seinem Cousin, zu reden. 1949 hatte er Bert nach Atlanta und damit in die Familie von Rabbi Geffen kommen sehen, da war David ein Teenager und Bert Mitte zwanzig. Berts Großtante und Großonkel Geffen - Davids Großeltern - hatten jahrelang in Europa nach Überlebenden der Familie gesucht - und den Großneffen gefunden. Berts Vater und Mutter lebten nicht mehr, ermordet wie nahezu alle. Bert aber lebte. Er hatte es geschafft, im Hitler-Berlin, plötzlich allein, plötzlich Waise. Drei lange Jahre, hunderte Tage Angst, Verfolgung, Hunger. 1942-1945. "Es war ein Wunder!", sagt David und schaut mich direkt an. David und Bert lebten in Atlanta, in einer Familie, die eng miteinander war. Auf dem Foto mit Berts kleiner Hochzeitsgesellschaft kniet David vor dem Paar. David sagt: Vielleicht war ich es, der ihn am meisten verstand, der sich am ehesten vorstellen konnte, was er durchgemacht hatte. Noch einer aus der Familie hatte überlebt - ein weiterer Cousin, der, als die Verfolgung nach Osteuropa kam, entrann: Dov. Dov Lewin wurde nach dem Krieg Israels Spezialist für osteuropäische jüdische Geschichte. Dov also flog 1980 nach Atlanta, kaufte im nahegelegenen Laden Kassetten und begann, Bert, der seine Geschichte noch nie erzählt hatte, zu befragen. Dov sorgte dafür, daß ein Grundstein gelegt wurde, daß die Erinnerung bei einem, der nur überleben, der nur leben wollte, erwachen konnte. Und bewahrt werden konnte.- Viel später wurde Berts Buch daraus: bekannt und viel gelesen. Die Stunden am Tisch unter dem Baum verfliegen und wir merken es nicht. Während David mich mit seinen Worten zu Bert führt, denke ich an die Geschichten, die ich in den letzten Jahren gehört, aufgeschrieben oder herausgegeben habe: Jüdische Geschichten. Eva, Marianne, Rhea, Renée, Charlotte, Salunca und Yvonne. Auch die Erzählung "Hinter dem Schweigen" gehört dazu. Aber Rhea und Marianne! Ich sehe sie, noch während ich David lausche, innerlich bei Bert stehen… Auch diese beiden - die eine als Kleinkind, die andere als Grundschulkind - hatten in Berlin überlebt… Wir haben es in ihren Büchern dokumentiert: "Marianne. Eine wahre Geschichte." und: "Das Kind im Park". Und nun kam Bert Lewyn, "Versteckt in Berlin", zu mir.

  • Warum sich die Sprache nehmen lassen?

    Unter dem Titel „Warum sollten sie sich die Sprache wegnehmen lassen“ veröffentlichte der Berliner Publizist Markus Bauer jüngst in der FAZ einen ausführlichen Artikel über LYRIS. Über jene Künstlergruppe aus Jerusalem, die auch in der neuen israelischen Heimat, trotz erlittener Verfolgung durch Deutsche, an der deutschen Heimatsprache festhielt, in ihr dichtete und diskutierte. Sprache ist kostbar, Heimatsprache nicht ersetzbar. Und egal, aus welchem Grund man das Heimatland verläßt oder verlassen muß, wie sehr man auch in eine neue Sprache einzutauchen vermag – die erste Sprache verläßt einen nie. Es gibt Dinge, solche des Empfindens und Erleidens, die nur so, wie man es als Kind lernte, überhaupt auszudrücken sind. Daher ist es kein Zufall, daß es eben die gemeinsame Sprache war, die die Überlebenden aus der Bukowina, Österreich, Deutschland und der Schweiz mitten in Israel, ihrem Zufluchtsland, zusammenführte. Es war ein Wagnis und nicht selbstverständlich, weil von deutschen Wortklängen tiefer Schmerz ausging. Dieselbe Sprache aber war es, die hier nun jedem der Vereinzelten Gefährten gab, die die je eigene Wortsuche wirklich verstanden. Darin lag auch der tiefste Sinn des gemeinsamen Tisches, auf dem die Blätter mit den Gedichten sich schließlich fanden. Eine gemeinsame Schöpfung. Eine verbindende Sprache inmitten eines neuen, anders sprechenden, anders dichtenden, anders lesenden Landes. Ihres Landes. Und obwohl die Dichtungen also naturgemäß zunächst nur in diesem Kreis selbst unmittelbar verstanden werden konnten, fanden sie doch ihren Weg von dort nach und nach zu einzelnen Veröffentlichungen, insbesondere in Deutschland. Wir haben schon an anderer Stelle mehrfach beschrieben, wie auch rainStein begann, sich an diesem Hineintragen der LYRIS-Schöpfungen in die deutschsprechende Welt zu beteiligen und wie daraus in einem guten Jahrzehnt eine achtbändige Reihe wurde. Nur folgerichtig also, daß Markus Bauer in seinem Beitrag zum „Literarischen Leben“ die Arbeit von rainStein würdigt. Es sind die Bücher von Yvonne Livay, von Eva Avi-Yonah, von Magali Zibaso – die Schilderungen und Vorworte von Manfred Winkler, dem Genius, und Wilhelm Bruners, dem Priester, durch die wir fast meinen, mit in dem magischen Kreis zu sitzen. Dort, wo die deutsche Sprache in ihrer Wurzel und Ursprünglichkeit nicht nur erinnert und geschätzt, sondern wie ein frischer Quell wachgehalten und erneuert wurde: Deutsche Dichtung der Spitzenklasse entstand. Sie entstand mitten in Jerusalem, lange unbemerkt von denen, die sich in Deutschland mit Sprache und Dichtung befaßten. Wie einzigartig und vielseitig der LYRISkreis wirkte, zeigt Markus Bauer jetzt der breiteren Öffentlichkeit. In seinem Bericht finden sich auch für Kenner neue Details. Und er weist (wie wir an unseren traditionellen rainStein- LYRIS-Abenden mit den Klezmerschicksen) auf den so gut gemachten Dokumentarfilm „Klang der Worte“ (Gerhard Schick, 2008) hin. Wenn man mehr braucht als Worte, um zu verstehen - hier hat man es, alles. Die „LYRIS“ gibt es nicht mehr. Seit einigen Jahren ist Yvonne Livay die letzte noch lebende Vertreterin dieser großartigen deutschsprachigen Dichtergruppe. Ja, sie ist noch da! Sie kann man noch fragen. Und zu Lesungen einladen. Markus Bauer „Warum sollten sie sich die Sprache wegnehmen lassen? Wie der Lyris-Kreis das Erbe der deutschen Dichtung in Israel bewahrt hat.“ FAZ, 01.4.23, S. 16

  • Trauer. Eine Erinnerung

    Trauer kann helfen, zu verstehen. Was ist die Essenz von Freiheit? Dr h.c. Bergel, der ein Landsmann und Wegbegleiter Manfred Winklers war, übergab rainStein einst diese eindrückliche Rede. Kurz vor Pessach und Karwoche spricht sie uns wieder an: Trauer im Zeichen doppelter Erschütterung (Rede zum Volkstrauertag 2008) Zu Beginn des 21. Jahrhunderts der Toten zu gedenken, heißt zwangsläufig, sich des 20. Jahrhunderts zu erinnern. Wer an dem Jahrhundert teilhatte und seinen Ereignissen ausgesetzt war, wird nicht loskommen von ihm, solange er atmet. Man hat es das Jahrhundert der Massenmörder genannt, die Zahl ihrer Menschenopfer wurde von Historikern auf Größen veranschlagt, die unfasslich anmuten. Die Art des Sterbens kannte dabei Formen, die angetan sind, auch künftigen Generationen die Schauer über den Rücken zu jagen. Als ich im Januar 1962 als politischer Strafgefangener in einem Zwangsarbeitslager an der unteren Donau bei 32 Kältegraden die Hand des sterbenden 28-jährigen Arztes Dr. Mehedinţ in meiner Hand hielt, bis sie erkaltete, hatte ich eine dieser Formen kennen gelernt. Der Uniformierte, der dem Arzt mit dem Schlag eines Spatens den Schädel zertrümmert hatte, weil er mit dem vollbeladenen Schubkarren auf dem vereisten Brettersteg gestürzt und nicht schon in derselben Sekunde wieder aufgestanden war, hatte sich nach dem Hieb vor uns aufgebaut, sich eine Zigarette angezündet und zwischen zwei Zügen in die vom Blut roten Schneebrocken neben dem Gesicht mit den erloschenen Augen gespuckt, hinter sich zwei Bewaffnete der Eskorte unseres Arbeitstrupps, die auf mich gerichteten Maschinenpistolen in den Fäusten. Wenn ich in den folgenden Minuten der Toten im ehemaligen riesigen Herrschaftsbereich kommunistischer Diktatoren gedenken soll – wie mein Auftrag für diese Feierstunde lautet –, kann ich es nur im Zeichen der Teilhabe an Bildern wie diesem tun. Die Zahl der Variationen solcher Bilder ist unbegrenzt, die Vielfalt schmerzhaften Rückblicks ebenfalls, und die Auffassung vom Tod als einem zum Ganzen unseres Daseins gehörenden natürlichen Teil verliert für mich jenen Akzent an Verbindlichkeit, die ihm nach meinem Dafürhalten in unserer redseligen Welt allzu schnell zugesprochen wird. Denn auch ich erfuhr, wie viele andere, dass es Tode gibt, die nicht zu den natürlichen Abschlüssen eines Menschenlebens zählen, sondern als finale Vergewaltigungen erscheinen, die mit dem Leben der Menschen, die sie wehr- und schuldlos erdulden mussten, auf „natürliche“ Weise nicht das Geringste zu tun haben. Fratze der Unmenschlichkeit Wie anders nämlich zwingt uns das 20. Jahrhundert dank seiner Scheußlichkeiten, heute über diese letzte aller Fragen zu befinden, als es vorhergehende Epochen vermochten. Wenn z.B. Goethe vom Schicksal des Menschen spricht und einem jeden jene Art des Todes als zugemessen erachtet, „die analog zu seinem Leben sei“, wie er als Zweiunddreißigjähriger schrieb, dann kommt das aus der Sicht der Erfahrungen unserer Toten des 20. Jahrhunderts deren Verhöhnung gleich. Kein Denkender und Fühlender wird sich zur Behauptung erkühnen, dass die im genannten Jahrhundert gewaltsam zu Tode Gebrachten ihren letzten Atemzug unter Umständen taten, die ihrem „Leben analog“, das heißt angemessen waren – ohne dass Goethe wegen der Briefstelle eine Vorhaltung verdiente: Denn wie hätte er sich ausmalen können, welche Art von Toten es im Gefolge des 20. Jahrhunderts zu betrauern gilt? Sicher, es gab auf den Schlachtfeldern der Kriege, auf den Wegen der Fliehenden, auf den Kampfplätzen der Revolutionen in den Jahrhunderten vor dem zwanzigsten genau so unter Qualen ihr Leben aushauchende Menschen: es gibt in der Geschichte – Gott sei ‘s geklagt! – seit jeher die perverse Art des Tötens. Doch niemals vorher in diesen Dimensionen, und die Anschauung des spezifischen Grauens um das Sterben, wie es uns ins Gedächtnis gebrannt ist, hatten die Menschen vorhergegangener Zeiten weder nach Form noch nach Ausmaß. So steht unsere Trauer im Zeichen doppelter Erschütterung: sie erschien in dieser Quantität und Qualität ehemals undenkbar. Das Herkömmliche in der Betrachtung des Todes, im Verständnis der Trauer – wenn es denn so etwas gibt – verlor seit dem 20. Jahrhundert an Gültigkeit. Wer z.B. befreit mich von der historisch gebrandmarkten persönlichen Trauer um meinen Freund Fürst Alexander Ghika, der sich zuerst – um mich nicht der Bukarester kommunistischen Geheimpolizei „Securitate“ zu verraten – die Knochen brechen ließ und Jahre später, als er gezwungen werden sollte, Freunde auszuhorchen – darunter mich –, sich 45-jährig erhängte? Es gibt Millionen Menschen, denen sich die vergleichbare Frage stellt.... Eingedenk dieserart zu Tode Gekommener verbietet es sich mir, schonungsvoll in Allgemeinplätzen hier zu reden. Ich sehe mich vielmehr vor den Anspruch gestellt, den geraden Blick in die Fratze der Unmenschlichkeit zu ertragen. Alles andere wäre Lüge. Der französische Historiker Stéphane Courtois, der mit dem Monumentalwerk „Das Schwarzbuch des Kommunismus“ weltweit die Geister erregte, kreidet den kommunistischen Systemen des Ostens rund einhundert Millionen umgebrachte Menschen an; wörtlich: „Alles in allem kommt die Bilanz der Zahl von hundert Millionen nahe.“ Während er davon für die Sowjetunion 20 Millionen festhält, die er den „Verbrechen gegen Personen“ zuzählt, gehören zu der von ihm errechneten einen Million tödlicher Untaten in den kleineren Moskauer Satellitenstaaten auch die in der DDR, das heißt auf deutschem Boden begangenen. Der in diesem Jahr neunzigjährig verstorbene Russe Alexander Solschenizyn kam bei seinen Erhebungen für den sowjetischen Bereich auf erheblich höhere Zahlen. Die an den Kriegsfronten Gefallenen nicht einbezogen. Erschreckt uns die Ziffer, so lässt uns die Vergegenwärtigung der Einzelschicksale, die hinter ihr stehen, in einem Zustand profunder Irritation zurück. So schrieb der Bukarester Zeithistoriker und Publizist Romulus Rusan: „In jedem Atom dieses Universums des Leids verbirgt sich ein Mensch, der die Kreise der Hölle durchmaß (....) Jeder Fall für sich betrachtet wühlt den Kenner der Materie stärker auf als die abgeschlossene Statistik (...) Der Blick ins einzelne Gesicht macht mehr verständlich als der Anblick ganzer Sklavenkolonnen. Der (54-jährige) Historiker, der in der Gefängniszelle durch Hunger ‚liquidiert’ wurde, weil er sich geweigert hatte, seine Schriften zu verleugnen; der 70-jährige Oberst, der an allen Fronten des Krieges gekämpft hatte und dann an der Blutvergiftung zugrunde ging, die er sich als Häftling bei der Zwangsarbeit auf den Reisfeldern als Folge der Hautverletzungen durch Blutegel holte; die drei Kinder – ein einjähriger Zwilling und dessen älterer Bruder –, die in der Erdhütte der Donausteppe erfroren (wohin ihre Familie mit Tausenden anderer zwangsverschickt worden war); der Student, der sich entleibte, um die Torturen der (mit unvorstellbaren Methoden in den Gefängnissen betriebenen) ‚Umerziehung’ nicht mehr ertragen zu müssen; der Bauer mit einem Hektar Grund, der im Kerker totgeprügelt wurde, weil er einen Beschwerdebrief verfasst hatte; der Gelehrte, der sich aufopferte, um dem in der Zelle an Lungenentzündung erkrankten Jungen das Leben zu retten (indem er ihm von seiner kargen Essensportion monatelang die Hälfte gab, bis er vor Entkräftung starb); die Frauen, die sich zur Ehescheidung von ihren eingekerkerten Männern gezwungen sahen, um die Kinder und sich selbst (vor den Nachstellungen durch die Geheimpolizei) zu schützen und den Arbeitsplatz zu behalten (...) Alle diese Momentaufnahmen sind Anklagen gegen ein Verbrecherregime (...) Der Kommunismus entstellte das Schicksal von Generationen und verstümmelte Millionen von Leben junger Menschen. ‘Klassenkampf’, ‘Klassenhass’, ‘revolutionäre Wahrheit’ waren die Parolen, die nicht allein zum Tod von Menschen und zur Vernichtung von Eliten, sondern auch zum Gesellschaftsmord führten.“ Östliche Seite der Medaille Dies alles rührt nicht nur an momentane politische Auffassungen. Und das Panorama der Möglichkeiten, Täterpotenziale oben angesprochener Beschaffenheit im Menschen zu mobilisieren, wie sie uns das 20. Jahrhundert in Ost und West demonstrierte, darf auch nicht nur unseren Abscheu erregen. Es reicht tiefer. Es trifft die Grundlagen des Bewusstseins unserer Kultur und stellt uns vor die Frage: Ob die Philosophien, die wir uns in Europa seit der Antike, seit Aristoteles und Plato über mehr als zweitausend Jahre hinweg bis hin zu Kant aufbauten, um uns in der Schöpfung, in der Welt und in uns selbst zurechtzufinden, nicht überdacht werden müssen, weil sie doch im Blick auf das praktische Handeln letzten Endes unverbindlich blieben und alle die Opfer vor den gottlosen Ausfällen nicht schützen, von den Tätern aber – in unterschiedlicher Deutung – ausnahmslos für ihr Handeln reklamiert wurden. Selbst die Religion bot keine Gewähr, da ja auch sie nicht genügend viele Menschen stark machte in Ost und West, dem Unheil entgegenzuwirken. Ebenso wenig taten es die großen Gefühle, zu denen uns die Kunst animiert... Wir schulden Überlegungen dieser Art den Toten, derer zu gedenken wir zusammengekommen sind. So aufgeregt sich Unbelehrbare und auf einem Auge Blinde den Forschungsergebnissen Stéphane Courtois’ hinsichtlich der Grausamkeiten der Diktaturen im Osten zeigten und Courtois angriffen, so stetig wächst der Kreis bohrender Forscher, die sich den Blick auch auf die östliche Seite der Medaille des 20. Jahrhunderts, das heißt auf die Armeen der Toten hinter dem Eisernen Vorhang und die Trauer um sie nicht verbieten lassen. Im Unterschied zu der vom Nationalsozialismus herbeigeführten menschlichen Tragödie – schrieb Courtois – „war es den Opfern des Kommunismus und ihren Angehörigen lange verwehrt, das Gedächtnis des tragischen Geschehens öffentlich zu pflegen, da jegliche Erinnerung und Rehabilitationsforderung verboten waren. Der Totalitarismus hat eine nationalsozialistische, aber auch eine leninistisch/stalinistische Version. Es ist nicht länger akzeptabel, eine halbseitig gelähmte Geschichte zu schreiben (...) Der Tod eines ukrainischen Bauernkindes, das vom stalinistischen Regime gezielt der Hungersnot ausgeliefert wurde, wiegt genau so schwer wie der Tod eines jüdischen Kindes im Warschauer Ghetto, das dem vom NS-Regime herbeigeführten Hunger zum Opfer fiel.“ Es kann schon von der Anlage der Schöpfung her nicht Tote erster und Tote zweiter Klasse geben – und es gibt auch keine Toten dieser oder jener Nationalität. Denn im Tod erlöschen Zuweisungen dieser und ähnlicher untergeordneter Art; der Tod anerkennt uns allein als Menschen, im Tod sind wir über alle Begrenzungen hinweg, was uns im Leben so schwer gelingt: Brüder und Schwestern. Kommunistisches und nationalsozialistisches Kainsmal auf 20. Jahrhundert Noch bevor Solschenizyn mit seinen drei „Gulag“-Bänden auf die massenmörderischen Praktiken des Kommunismus hinwies, hatte der in der Ukraine geborene Jude Wassili Grossman im 1960 abgeschlossenen, erst nach seinem Tod veröffentlichten Roman „Leben und Schicksal“ die „frappierende Verwandtschaft von Nationalsozialismus und Sowjetregime“ zur Sprache gebracht: deren „Wesensgleichheit“, wie der kommunistische spanische Renegat Jorge Semprun feststellte. Zusätzlich sind heute Historiker vom Rang des Polen Andrej Paczkowski, des Tschechen Karol Bartosek, des Chinakenners Jean-Lous Margolin, des Deutschen Ehrhart Neubert, des Engländers Donald Rayfield, des Ungarn Czaba Zoltán und andere am Werk, Licht ins immer noch gehütete Dunkel kommunistischer Mordtaten zu bringen, die zusammen mit jenen der Nationalsozialisten dem 20. Jahrhundert das Kainsmal aufdrückten. Keinem von ihnen geht es um Aufrechnung der einen Mörderei gegen die andere. Es geht um die Erkenntnis, die der vor zwei Jahren verstorbene deutsche Journalist und Hitler-Biograph Joachim Fest in seiner Autobiographie „Ich nicht“, 2006, formulierte: dass es der bedeutendste Triumph kommunistischer Propaganda sei, die Aufmerksamkeit der Welt von den eigenen Kapitalverbrechen auf jene der Nationalsozialisten abgelenkt zu haben – und dass damit, füge ich hinzu, die Toten im Osten, zum Anonymat verdammt, um ihre Würde gebracht werden. Aus dieser Erkenntnis heraus hatte Courtois vermerkt: „Während die Namen Himmlers oder Eichmanns in der ganzen Welt als Symbole zeitgenössischer Barbarei bekannt gemacht wurden, sind Dserschinski, Jagoda oder Jeschow weitgehend unbekannt. Und was Lenin, Mao, Ho-Chi-Minh und selbst Stalin betrifft, so wird ihnen immer noch eine erstaunliche Verehrung zuteil.“ Aber die Toten, für die ihre Namen stehen – schrieb Romulus Rusan – „bitten aus dem Himmel, sie nicht zu vergessen“. Zu ihnen gehören die Toten des 17. Juni 1953, die Toten an der Berliner Mauer und am deutsch-deutschen Grenzstacheldraht ebenso wie die des Volksaufstandes im Oktober 1956 in Ungarn, die Toten der ungezählten großen und kleinen Revolten im sowjetischen Konzentrationslager- und Verbannungsimperium, von denen keine Kunde je bis in den Westen drang, die Toten 1970/71 in Danzig, Gdingen und Stettin, in den Wojwodschaften Breslau und Lublin, als sowjetische Panzerkanonen das Feuer eröffneten, die Toten der Selbstverbrennungen aus verzweifeltem Protest wie die in Prag 1968, der Volkserhebung im Dezember 1989 in Rumänien. Aber auch die in den Folterzellen von Bautzen in der Oberlausitz, im unterirdischen Fort Nr. 13 Jilava bei Bukarest, in den schalldichten Kammern des Lubjanka-Gefängnisses des sowjetischen Innenministeriums, auf dem Militärareal der Roten Armee Betowo bei Moskau, in den Steinverliesen der bulgarischen Rhodope-Gebirge usw. Ihrer aller sei heute gedacht, wie ja nicht zuletzt auch jener auf den östlichen Flucht- und Vertreibungsstraßen des Herbstes 1944, des Winters 1945. Und da sind auch die in den Arbeits- und Todeslagern ums Leben gekommenen deportierten Deutschen aus Südosteuropa – aus dem Banat, der jugoslawischen Untersteiermark, aus der Krain und aus Südkärnten, aus Siebenbürgen und aus der Bukowina – woher schon 1941 zehntausende Juden von den Sowjets nach Sibirien gebracht worden waren –, aus der ungarischen Schwäbischen Türkei, aus den schönen deutschen Ortschaften im Ungarischen Mittelgebirge usw. Bis zu einem Drittel, hielten Fachhistoriker fest, starben die Deportierten in den Steinkohleminen des Donezbeckens, beim winterlichen Straßen- und Gleisbau im Ural, beim Wälderroden am sumpfigen Wasjugan-Fluss in der Taiga. Nie wird die Welt über jeden der im Osten auf unsägliche Weise ums Leben Gekommenen genaue Kenntnis erhalten. Zynismen und Teufeleien, die sich die Täter einfallen ließen, umreißt der britische Historiker Donald Rayfield in seinem 2004 auf deutsch erschienenen Standardwerk „Stalin und seine Henker“ pars pro toto mit dem folgenden Satz: „Im Jahr 1937, etliche Jahre vor Hitler, setzte Stalins NKWD – das Polizeiinstrument seines Terrors – Vergasung als Mittel der Massenhinrichtung ein: Lastwagen mit Werbeplakaten für ,Brot‘ fuhren kreuz und quer durch Moskau und pumpten unterdessen die Auspuffgase in den Laderaum, wo nackte Häftlinge bündelweise zusammengebunden lagen, bis die Ladung bereit für die Leichengrube war.“ Wir dürfen, wollen wir die Selbstachtung nicht verlieren, den Blick nicht abwenden vom Ozean des Leids, vor den uns der Volkstrauertag stellt. Im Rückblick auf das Jahrhundert der Weltraumflüge und der Mondlandung, in dem gleichzeitig all dies möglich war, zog der Theologe und ehemalige Sonderbeauftragte der Bundesregierung für die Verwaltung der Stasi-Akten, Joachim Gauck ein Fazit, das nicht nur die Historiker, sondern ebenso die Völkerkundler und -psychologen, die Philosophen, Soziologen, Anthropologen, Schriftsteller und Dokumentaristen solange beschäftigen wird, wie Menschen mit den Mitteln der Wissenschaft an die Erläuterung der Geschichte herangehen – Gauck schrieb: „Statt des neuen Menschen (den die Ideologien des 20. Jahrhunderts versprachen), erblicken wir am Ende des Jahrhunderts den nachhaltig verstörten Menschen, statt der neuen Gesellschaft zerstörte Gesellschaften.“ Ideologien besitzen eine ebenso seltsame wie gefährliche Verführungskraft: Sie bestechen durch die Logik ihres Entwurfs auf dem Reißbrett, täuschen aber darüber hinweg, dass sich das Leben, ein Vorhang unentwegten Wandels , nicht an den Entwurf halten kann, weil das Wesen des Lebens der Wandel ist. Der gelegentliche Hinweis z.B. auf die marxistische Grundlage der kommunistischen Ideologie: diese sei „an sich“ richtig, bloß hätten die Menschen, die sie praktizierten, die „an sich“ gute theoretische Grundlage verraten – dieser Hinweis ist von bestürzender Naivität und Oberflächlichkeit. Nein, beide große Ideologien des 20. Jahrhunderts – kommunistische wie nationalsozialistische – sind schon im Anlagekern unmenschlich: weil sie dem Menschen als Individualität das Recht auf Freiheit bestreiten. „Du bist nichts, die Nation ist alles“, lautete die Grundparole des Nationalsozialismus, „Du bist nichts, das sozialistische Kollektiv ist alles“, die des Kommunismus: Von diesem eindeutigen Ausgang leiten sich in konsequenter Weiterführung die Bestialitäten beider Systeme ab. Wohl kann darüber gesprochen werden – so es denn sein muss –, welchem der beiden Postulate der höhere Rang einzuräumen ist. Doch darf keines der beiden zum Diktat, im Namen keines der beiden darf Gewalt ausgeübt, dürfen gar Menschen umgebracht werden. Genau dies aber geschah im Namen beider. Sie handelten nach der Losung französischer Revolutionäre von 1789: Fraternité ou mort!, zu deutsch: Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein! Wir bedürfen keiner in ihrer theoretischen Perfektion rechthaberischen Ideologie. Vielmehr bedürfen wir der in unserem Bewusstsein verankerten Verbindlichkeit des humanen und moralischen Gedankens, wie er allein unserer Gesellschaft das vielbeschworene menschliche Antlitz auf Dauer sichert. Die Toten lehren die Lebenden Das von Ideologie freie Totengedenken gehört zum Fundament der Kultur einer jeden Gemeinschaft – es ist Teil der geistigen Kraft, die uns die Wertekontinuität sichern hilft. Ihre Weitergabe ist unlöslich mit unserer Fähigkeit verbunden, uns als Erben der konstruktiven Wertebegriffe derer zu verstehen, die vor uns waren, weil wir andernfalls mit dem, was destruktiv auf uns einwirkt, nicht fertig werden. Denn nicht allein die Weisheit unserer Vorväter ist in uns wirksam, schrieb Nietzsche, sondern auch ihr Wahnsinn... So verstanden, liegt im Totengedenken nicht rückgewandter Stillstand, sondern Aufforderung zu Gegenwart und Zukunft. Wir können uns von unseren Toten nicht lösen, da wir uns sonst der Basis berauben, auf der wir stehen, einschließlich aber der Irrungen und Wirrungen. Auch sie nämlich sind Wegweiser ins Morgen, an den Kreuzungen, die falsche Richtung zu vermeiden. O nein, die klugen Philosophien Europas, die ich erwähnte, unsere religiösen Grundwahrheiten, das Ethos der Ideale, auf die uns die große Kunst dieses trotz aller Abstürze und Selbstzerfleischungen starken Kontinents immer wieder aufmerksam machten: Wir gingen immer dort in die Irre, wo wir sie nicht beherzigten. Unsere Entgleisungen können sie nicht disqualifizieren. Denn es lag und liegt nur an uns, in ihrem Geist zu handeln – oder sie zu verraten. Hic mortui vivos docent – hier lehren die Toten die Lebenden – lautet die gescheite Befindung eines Volkes auf der Höhe seiner geistigen Reife. Mögen uns die Schicksale jener Toten, an die zu erinnern hier meine Aufgabe war, das lehren, was unserem Heute und Morgen dienlich ist, mögen wir wach und verantwortungsbewusst genug sein, ihre Lehre zu verstehen. Hans Bergel Auf Einladung des Oberbürgermeisters der Stadt Dinkelsbühl, Dr. Hammer, hielt Dr. h. c. Hans Bergel am 16. November 2008 oben stehende Rede zum Volkstrauertag. Wir veröffentlichen diese hier in einer von ihm gekürzten Fassung; in gleicher Fassung erschien die Rede zuerst in der „Siebenbürgischen Zeitung“ vom 29.11.08.

  • Marianne ist gegangen

    Sie war eine meiner Mitautorinnen und wurde eine wunderbare Freundin. Marianne Degginger, geb. Unger, starb am Mittwoch, 15. März, im Alter von 90 Jahren in ihrem Haus in St. Gallen, Schweiz. Bis zuletzt wach, informiert, beteiligt und engagiert, auf Reisen, bei Diskussionen, als Zeitzeugin. Klug und emphatisch, immer lernbereit, mit einem klaren, realistischen Blick auf die Dinge. Ohne Aufhebens um sich selbst, konzentriert und zugewandt, wollte und konnte sie den Menschen nahe sein. Und konnte verbunden bleiben mit jüdischer Tradition und Gemeinde. Als 1932 in Berlin geborene "Halbjüdin" aufzuwachsen: das prägte Marianne für immer. Vieles, was damit zusammenhängt ist u.a. im Buch "Marianne. Eine wahre Geschichte" beschrieben. Aber für Marianne hörten die Fragen nie auf. Details ihrer Erfahrung und deren Folgen beschäftigten sie immer. Einer der letzten Fragen, die sie an mich richtete, lautete: "Gibt es Texte, die beschreiben, wie die Shoah eng befreundete Familien psychisch so deformierten", daß sie sich, beispielsweise durch (exilbedingte) Entfernung, einander gänzlich entfremdeten? Zu Thema der Shoa-Langzeitfolgen sollte in den nächsten Wochen ein Beitrag hier bei rainStein erscheinen, mit Mariannes Fragen und Antworten. Nun müssen andere antworten. Mariannes Buch ist vielleicht das am stärksten "verteidigte" und vernetzte Buch bei rainStein. Marianne war mit dem Buch viel unterwegs, auch wir beide zusammen haben es in Schulen und vor breiterem Publikum zur Diskussion gestellt. Schulen als Ort der Zeugenschaft waren spürbar ein besonderes Anliegen von Marianne. War es doch ihre eigene Kindheit, die durch die nationalsozialistische Herrschaft zerrissen wurde. Und ihr Buch zeichnet all die fundamentalen Brüche und feinen Schattierungen sachlich wie emotional mit einer Authentizität, die es nur von Zeitzeugen her gibt. Das einte uns: Wir müssen erinnern, beschreiben, faßbar machen. Was bleibt uns sonst, um den Opfern gerecht zu werden? - um Wiederkehr zu verhindern? Marianne, danke, daß Du mit uns warst. Du warst so menschlich, so präsent. Deine Wärme und ermutigende Anteilnahme wird uns weiter begleiten, wir werden sie erinnern und weitertragen!

  • Schmerz erzählen

    Für Yvonne Livay war es immer da. Für mich begann es an einem Freitagabend, Februar 2011, in der Wohnung von Yvonne und Ram Livay. Dort, in Jerusalem, am feierlich gedeckten Tisch, erfuhr ich, welch bedrängende Rolle eine kleine graue Schachtel im Leben der Mutter und in ihrem, Yvonnes eigenen Leben, spielte. Daß sie, Yvonne, noch nicht gewagt hatte, die gehütete Box zu öffnen. Das aber müsse geschehen, es würde schwer werden. Und dann gebe es noch jene andere Geschichte, die des Malers, rätselhaft und doch verbunden, fast wie ein Schlüssel, der einem entgegenkommt… Meine Anteilnahme wurde zur Aufregung: Dies zu erzählen! Wäre das möglich? Genau dies - falls es geschieht - : das Öffnen, das Begreifen, und vor allem der Prozeß, der der Begegnung mit den Dokumenten folgen würde…und ja, auch die Beschreibung des inneren Zusammenhangs zwischen Schachtel und dem, was geschah, als der Maler ins Leben der Mutter trat! Falls sich der vermutete Zusammenhang bewahrheiten würde, natürlich. Würde er? Ein anderes Jahr, ein anderes Land: Yvonne sitzt in einem norddeutschen Künstlerdorf und versucht, Worte zu finden. Der Sturm im Innern ist sichtlich groß. Gerade ist es durch Glück gelungen, von einem Künstler-Nachbarn erste Übersetzungen der Briefe zu bekommen - jener Briefe, die die Schachtel endlich, nach Jahrzehnten, verlassen hatten. Wir hatten darüber geredet. Nun aber war es Tatsache und vor Augen. Nun wußte Yvonne, was geschrieben stand. Was berichtet wurde. Was die Mutter als junge Frau hatte lesen müssen. Was betäubend in ihr aller Leben getreten war. Nie werde ich die innere Bewegung, die Yvonne in diesen Stunden erfaßt hatte, vergessen. Im Ausdruck ihrer Bewegtheit sprach sie mehr zu mir, als wenn sie schon Worte gefunden hätte. Aus ungeheurer innerer Anstrengung entstand das Buch: "Die Frau mit der Lotosblume". Es legt Zeugnis ab, es spiegel wider, es nimmt mit auf eine dokumentarische, menschliche, künstlerische Reise. Diese Reise können wir als Leser nachvollziehen. Auf vielen Ebenen wird uns die Botschaft erreichen: Wunden, Schmerzen, Qual -- und ein Kampf. Ein Kampf, in dem, für Yvonne, am Ende das Leben siegt.

  • Klänge aus Jerusalem

    Unten donnert die neue Autobahn durch ein einst stilles Tal nach Jerusalem. Oben liegt hell der Campus der Hebräischen Universität, die Gebäude von Musikhochschule und Akademie für Musik und Tanz. Gegenüber, abwärts in den Hang gebaut, existiert ebenfalls ein Refugium für Kunst: das Wohnhaus der Familie Livay. Sich auszusagen in Musik und Bild, in gehauenem Stein und geschriebenem Wort ist hier, innen wie außen, Alltag. Yvonne Livay, Sängerin, Malerin, Dichterin, sucht Inspiration im Unterwegssein: Auf den Straßen und Plätzen der Stadt, am Ufer der Meere, in den Weiten der Wüste. Indem sie hinausgeht, geht sie in sich hinein. Schon im Park nebenan, an den Hängen des Tals findet sie, was ihr zu existentieller Frage, manchmal zu gültiger Antwort wird. Diese übersetzt sie in Farben und Formen, die wie Musik wirken - präzise und unbestimmt zugleich, in aller Skizzenhaftigkeit vor Emotion sprühend – und uns berührend wie Musik . Musik, die ihr erklingt, bringt sie hingegen ins Wort. Yvonne Livay ist eine Lebenssammlerin. Sie benutzt Material und Sprache, die sie unterwegs aufliest. Das Zufällige und Veränderbare bearbeitet sie mit Fragen nach dem Eigentlichen und scheut dabei nicht das Verharren in Zwischenschichten. So entsteht aus Allem ein gut erkennbarer, nur ihr gehörender Ausdruck, ein bannendes, fragendes Schwebenlassen. Dem muß man sich aussetzen: Was auch immer sie aufnimmt, erhält bei Livay eine unerhört dichte Diktion. Gewiß, persönliche Erinnerung und Last der Geschichte breiten im Leben der Künstlerin unaufhörlich Schleier aus. Verwoben mit Alltagsleben erstrecken sich Traum und Albtraum in diesem Haus über dem Tal in alle Gegenwart: überall Masken, verhangene Totenmasken, Gesichter der lang Verlorenen und Vermißten, ein tägliches, inniges Requiem, das Yvonne Livay den Ermordeten darbringt. Und im Atelier liegt Schwere über dem mühsamen Arbeiten mit sperrigen Fundstücken, rostigem Draht, den Yvonne Livay im Kampf, dem Entsetzen Grenzen zu setzen, zu Kronen, Lebenskronen, Dornenkronen biegt und windet. An diesem Ort wird um Leben gerungen. Und Leben aus Schatten herausgehauen, in dichteste Form gebracht. Dabei durchzüngelt heftige Sehnsucht nach Liebe und Leichtigkeit die Texte und Bilder. In knappesten Strukturen, kargen Chiffren legt Yvonne Livay Gefühle bloß. Folgt man der Spur, unternimmt man womöglich eine dramatische Reise ins eigene Ich. Yvonne Livay wurde 1942 in Zürich als Tochter jüdischer Eltern geboren. Ihre polnisch-jüdische Mutter, gerettet, sah im Höllenbrand deutscher Vernichtung machtlos Mutter und Familie, fast ihr ganzes Volk verlorengehen. - Yvonne Livay hat als Erwachsene in Jerusalem Zuflucht und Zuhause gefunden. Viele Sprachen sprechend, dichtet sie dennoch fast ausschließlich auf deutsch. Viele Jahre war sie Mitglied der deutschsprachigen Jerusalemer Dichtergruppe LYRIS. (Vorwort zu „Herbstbrand“, 2011/ z.Z. vergriffen/ Voranfragen möglich)

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