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Aufgabenstellung: Weg der Menschheit?

DDR, ca. 1971, Aufgabenstellung in der Schule


Es geschah vielleicht ein Jahr, ehe meine nur zehnjährige Schulzeit endete, als wir die Hefte aufschlagen und aufschreiben sollten, warum der Weg zum Kommunismus der einzig mögliche und gesetzmäßige Weg der Menschheit sei.

Es war eine Aufgabenstellung, die alles zusammenfaßte, was ich tagtäglich sah, lernte, erlebte und erlitt. Offiziell befanden wir uns damals bereits in der „Phase des real existierenden Sozialismus“, einer Vorstufe zum Kommunismus. Der Befund war, wie man täglich hörte, „wissenschaftlich gesichert“. (Wissenschaft galt als sehr wichtig, hier als „historischer Materialismus“.) Es war keine nur ideologisch behauptete Phase! Sie war niederschmetternd „real“ im gesamten „sozialistischen Lager“, also der halben Welt. Nicht nur im riesigen europäisch-sowjetischen Ostblock, sondern ebenso in vielen Ländern Afrikas, Asiens, auch Lateinamerikas. Eine Realität, die geographisch, militärisch, ökonomisch und medial übermächtig war. Die Menschen weltweit, auch im Westen - nicht nur die Linken -, glaubten daran. Ein Zustand, der nur noch, wer stellte das im Osten in Frage, „weiterentwickelt“ werden mußte, von meiner Generation, mit dem großartigen Ziel, bald an das Ende der Geschichte zu kommen! Der Kommunismus würde die gesamte Menschheit retten.

Retten - oder knechten?

Ich saß im Klassenraum und begann in das Heft zu schreiben. Heute erinnere ich mich nicht mehr an meine Argumente. Aber eines weiß ich nach mehr als fünf Jahrzehnten noch genau: wie sehr es mich im Innersten getroffen hatte. Bei dieser Fragestellung ging es um mein Leben. Meinen Glauben. Es ging um alles.


Auszug aus Kapitel XVI in: Dörthe Kähler "Abraham und ich"


Aufgabenstellung Mauer
Berliner Mauer, ca. 1990 (Dörthe Kähler)


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