17. Juni. Ein Besuch.
- Dörthe Kähler
- 17. Juni
- 2 Min. Lesezeit
17.Juni 2026 - Ein Besuch. Ich schaue aus: Sind die Fahnen aufgezogen (die Berliner und die deutsche Flagge)? Ist der Rasen gemäht? - Und, nach kurzem Stop hinter der Gedenkstätte: liegen die Kränze? - Ja, alles ist wie erwartet und gewohnt. Und immer wieder freue ich mich! Sie haben es nicht vergessen! Die Arbeiter des Berliner Bezirkes Steglitz-Zehlendorf wurden rechtzeitig losgeschickt! Die Kränze samt Schleifen von den Fraktionen der Bezirksverordnetenversammlung waren korrekt bestellt! ... Vermutlich waren sie auch selber da, die Vertreter von CDU, SPD, FDP, den Grünen, den Linken (!), der AFD, der AG Bau, dem DGB, dem Opferverband... Ich weiß nicht, wie sie es tun, war nie dabei. Hinterher, wenn ich komme und alles so daliegt und es niemand sieht außer uns, bin ich gerührt. Es ist nicht vergessen: der Mut ist nicht vergessen! Der Mut, zu widerstehen! Zu sterben! Zu leben!! ... Zu leben für uns. Zu leben für Gerechtigkeit. Für Menschenwürde, Wahrheit. So steht es jedenfalls da geschrieben auf der Tafel. Und ich glaube, daß es damals so war, ganz aus dem Herzen. In den Leunawerken - und in der Stalinallee. Und überall im Osten, wo die Leute, die Arbeiter, einfach genug hatten und streikten und auf die Straße gingen - komme, was da wolle. Und es kamen die russischen Panzer. -- Wie immer drehe ich mich nach der stillen Minute von den Kränzen weg und zu dem großen Stein gegenüber, vor dem in diesem Jahr keine Kränze liegen. Auf dem Stein danken Unbekannte unbekannten russischen Soldaten, Offizieren, daß sie sich geweigert hatten, 1953, am 17. Juni, auf Deutsche zu schießen - Deutsche, die sich gegen Gewalt und Polizeistaat und Diktatur und Propaganda erhoben, sich als Menschen erhoben und aufrecht gingen - das bedeutet, als Menschen ins Gefängnis gingen oder starben. Was für eine Zeit. Was für Menschen! Daß wir hier sind, heute, hier überhaupt sein können, verdanken wir ihnen. Mögen wir ihrer würdig sein.
Und möge auch unser Leben in dem Punkt, wo Horizontale (unser Dasein) und Vertikale (unser Sinn) sich treffen, so innig miteinander verbunden und gültig sein, wie es das etwas krumme, große Gedenkholz hier zeigt: zum Kreuz verbunden.




Kommentare