Nein, es ist nicht vorbei! 20. Juli 1944
- rainStein
- 20. Juli
- 2 Min. Lesezeit
Nein, es ist nicht vorbei. Auch wenn viele nun zum 20. Juli wieder sagen: Es ist längst vorbei.
Wir haben hier bei rainStein Zeugenberichte veröffentlicht ("Das Kind im Park", Marianne", "Verena von Hammerstein und ihre jüdischen Freundinnen", "Die Frau mit der Lotosblume"). Nicht die Zeugnisse der Täter sind in unseren Büchern enthalten, aber die der Opfer. Und wir haben die Frage gestellt, wie die Nachfahren beider Seiten miteinander leben können ("Hinter dem Schweigen").
Durch all das, was unsere Autoren zu bezeugen und zu berichten hatten, wissen wir: Es ist nicht vorbei, weder für die Opfer (und deren Kinder) noch für die Täter (und deren Kinder).
Nicht vorbei in den Albträumen der Opfer der Judenvernichtung. Nicht in den Traumata der Opfer der Krankenvernichtung. Nicht vorbei für die Opfer des Widerstands gegen das Totalitäre.
Sooft auch einige Nachfahren der Täter sagen: Es muß endlich vorbei sein!, sagen wir: Es ist es nicht, kann es nicht und wird es noch lange nicht sein. Und wir sagen auch: In solcher Empörung darüber, daß darüber überhaupt gesprochen wird, spiegelt sich, daß es auch für die Nachkommen der Täter nicht vorbei ist. Sonst würden sie darüber reden können.
Ja, zuweilen ist es für die noch lebenden Opfer so sehr nicht vorbei, daß sie nicht einmal (mehr) darüber reden können.
Rhea, deren Großmutter, Tante, Onkel, kleine Cousins ermordet wurden und die selbst als kleines Kind der Ermordung nur knapp entrann, kann nicht mehr darüber reden. Schon gar nicht mehr reden mit den Nachfahren der Täter, die weder hören noch reden wollen. Sie kann nicht, es schmerzt so sehr. Die ermordeten Cousins stehen wie Schatten um sie und klagen die an, die den Schlußstrich ziehen wollen. Die Stimmen der Ermordeten stehen im Raum und ertragen nicht, daß ihre Ermordung nicht gelten soll. Nicht gelten - als sei es nicht geschehen, daß ihnen ihr Leben "gewaltsam wie legal" und unter den Augen aller (Institutionen) geraubt wurde. Als sei es komplett folgenlos, daß sie ihr Leben durch die Blindheit, die Feigheit und den Fanatismus der Anderen nie leben konnten.
Das Grauen von einst, auch das vom 20. Juli 1944, ist nicht vorbei. Die geraubten Leben stehen im Raum. Wer dies nicht wahrhaben will und wer, um das abzuwehren, heute sich gegen den Schmerz der Überlebenden, wer sich gegen Juden (und gegen Israelis) stellt oder diese gar zu Tätern erklärt, reiht sich ein in die Kette der Schuldbeladenen von damals.
Wir bei rainStein werden eines weiter tun: versuchen, die Kette zu durchbrechen, nicht zu schweigen und jenen, die um ihr Leben gebracht wurden und jenen, die überlebten, aber die nicht mehr reden können, eine hörbare Stimme zu geben.




Kommentare